Projekt

 

Theorie – Praxis…

Im Dialog…. M: Magdalena Knappik / D: Dani Rechling

M: Die Zusammenarbeit mit Dani Rechling und LEFÖ bedeutet für mich: Inspiration, Austausch, Einblick in die Arbeit von LEFÖ, Kennenlernen, was es heißt, mit einem hegemoniekritischen Anspruch Erwachsenenbildungsarbeit im Bereich DaZ zu machen und diesen Anspruch (auch) auf sich selbst als Organisation, als Kursleiterin, auf die verwendeten Methoden und Materialien zu beziehen. Die Materialien von und die Gespräche mit Dani Rechling eröffnen für mich neue Blickwinkel und neue Fragen und helfen mir, die Schwerpunkte meiner Arbeit weiter zu denken. Gleichzeitig eröffnen sie die Hoffnung, dass eine hegemoniekritische Bildungsarbeit im Bereich DaZ möglich ist.

D: Was bedeuted eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und NGO`s? Oder diesselbe Frage anders > Was bedeutet eine Zusammenarbeit zwischen Theorie und Praxis? Zwischen Forschung – konstruiert als das‚eigentliche‘ Wissen – und Praxis, gedacht als Erfahrung? Als Handeln und Tun? Und in dem Sinn gedacht als weniger ‚wissend‘/relevant? Gedacht im Sinne einer hierarchischen Anordnung – eines bestimmten Wissens – über die Wege der Formalität als formal konstruiert, im Gegensatz zu jenen Wissensformen für welche es kein Wissen, keine Diskurse und keine Strukturen der Anerkennung gibt..?

M: Ist das so klar getrennt und verteilt? Ich bekomme, z.B. in Fortbildungen oder auch in Seminaren, oft zu hören: Bitte endlich mehr Praxis. Wenn etwas den Anschein theoretischer Auseinandersetzung erweckt, stoße ich oft auf Abwehr, Widerstand. Ich habe oft den Eindruck, dass Theorie als Feindin der Praxis gesehen wird, und Theorie und Praxis als etwas, das sich gegenseitig ausschließt…

D: Ja, genau, Theorienfeindlichkeit > wenn die Theorie als Feind_in der Praxis gedacht bleibt, wenn Theorien sich nicht in Praxen des Handelns übersetzen, und wenn das Wissen (aus) der Praxis nicht ins Theoretische übergeht, der Zugang zur Theorie verwehrt….
Wenn wir eine Zusammenarbeit zwischen ‚Theorie und Praxis‘ als fruchtbar benennen wollen, dann gilt es den Begriff von Wissen (neu) zu definieren.
Praxis und Theorie müssen immer zusammengedacht und zusammengebracht werden. Denn was kann eine Theorie ohne den lebendigen Bezug zur Praxis bedeuten und umgekehrt eine Praxis ohne den Bezug zur Theorie? Ist zu wenig, läuft Gefahr im Elfenbeinturm (der Wissenschaft) zu ver-fangen, sich zu verschließen.

M: und Gefahr, sich nur noch auf sich selbst zu beziehen (im Elfenbeinturm)

D: läuft Gefahr, das immer Gleiche zu reproduzieren, den hierachisierenden Common-Sense, der eingelassen ist, in rassistische, heteronormative Strukturen, durchdrungen. Inwiefern kann und soll die Beschäftigung mit Theorie, die Reflexion über Begriffe, neue Einsichten/Sichtweisen vermitteln und letztlich die Praxis (des Unterrichtens) verändern. Und gleichzeitig, inwiefern kann/wird und soll ‘die Praxis > die Theorie’ immer auch beflügeln, verändern.

M: oft wird ihr ja nur der Status als Forschungsobjekt zugestanden…
Vielleicht könnte eine Zusammenarbeit zwischen „Theorie“ und „Praxis“ dann als fruchtbar gedacht werden, wenn sie dazu beiträgt, diese Hierarchisierung aufzuweichen… so dass es „normal“ wird, dass beide Seiten einander brauchen und sich als notwendig anerkennen?

D: Eine gewisse Ignoranz zwischen diesen als voneinander unanbhängig gedachten Seiten, scheint umher… und hat damit zu tun, dass Wissen (vor allem in Europa?) wenig in dem Sinn als Erfahrung und Tun gedacht wird, mit aktivististischem Tun in Zusammenhang gebracht wird?

M: diese Bewertung ist eingeschrieben in eine Struktur, die oft nicht da ist, die es aber bräuchte, wenn beide „Modi“ der Auseinandersetzung mit einer Sache eine gleichwertige Berechtigung erhalten sollen: dann braucht es Zeit, bezahlte Zeit, für Menschen, sich theoretische Perspektiven anzueignen und mit diesen das praktische Handeln zu reflektieren, und umgekehrt braucht es Zeit und Zugänge für „die andere Seite“/die Uni, an Praxis teilzunehmen, im Gespräch, im Zuschauen- und auch Ausprobieren-Dürfen… Für beides stellt LEFÖ ja Strukturen bereit: Studierende dürfen bei euch hospitieren, du konntest im Projekt die Materialien entwickeln und veröffentlichen, wir können uns treffen und uns austauschen. All das ist nicht selbstverständlich…

D: Es sind wohl zu überwindende Dichotomien, die von ‚wissend/unwissend‘.

M: Absolut, ja.

D: Bestenfalls sind sowohl die Theorie und Praxis, in sich selbst, von sich selbst, gegenseitig durchdrungen.

M: Ich finde, die Materialien sind ein großartiges Beispiel dafür, wie das funktionieren kann und was aus dieser Durchdringung entstehen kann.
Die Materialien fordern auch die Menschen, die damit arbeiten möchten, auf, sich auf diesen Prozess der Durchdringung einzulassen. Das bedeutet: sich Zeit nehmen zum Lesen, sich auf Gedanken einzulassen, die vielleicht Selbstverständliches in Frage stellen, sich auch auf Fragen und Herangehensweisen einlassen, die Gewohntes, vielleicht gesichert geglaubtes Wissen noch einmal umdrehen, von einer ganz anderen Seite betrachten und so vielleicht auch die eigene Praxis verändern. Ich denke, dass die Materialien die Praxis verändern, indem sie praktisch und theoretisch zugleich fordernd sind und auf beiden Ebenen Anstöße geben. Das braucht natürlich Zeit, und sicherlich auch die Möglichkeit für Austausch für die Menschen, die damit arbeiten.

D: Nehmen Lehrende, Lernende als unwissend/sprachlos wahr? Weil sie die vorhandenen Sprachen im Kurs nicht sprechen? Nehmen Lehrende Lernende implizit als weniger gebildet wahr? Der defizitäre Blick? Weil sie die Kurs-Sprachen nicht sprechen? Weil Lernende in bestimmten Jobs (dequalifiziert) arbeiten oder weil der Zugang zum Arbeitsmarkt verschlossen bleibt? Wenn Lehrende Akzenten begegnen, welche Bilder wandern durch den Kopf? Nehmen Lehrende Lernende auch entlang dieser Linien als ‚bildungsfern‘ wahr? Welche Diskurse und Trigger sind wirksam, wonach Menschen als bildungsfern‘ be-urteilt werden?

M: Ich denke, die Hierarchisierung von Theorie und Praxis, die Herstellung der Dichotomie wissend/unwissend, die Beanspruchung der Position „wissend“ für sich selbst und die Zuweisung der Position „unwissend“ an andere, ist eine gewaltvolle Praxis, epistemische Gewalt. Es ist mein Wunsch, die epistemische Gewalt, die mit meiner Position als „Person aus der Wissenschaft“ verbunden sein kann, zu sehen und zu reduzieren, wenn dies möglich ist. Gleichzeitig sind alle Lehrenden/Unterrichtenden – wir alle- in eben diese Dichotomie verstrickt. In den Materialien sehe ich den konsequent umgesetzten Wunsch, die Konstruktion von wissend/unwissend auf allen Ebenen der Kurse aufzubrechen – von der Ausverhandlung von Themen über die kursbegleitende Evaluation des Kurses durch die TeilnehmerInnen bis hin zum intervenierenen Umgang mit Geschriebenem, Gedrucktem und dem Nach-Außen-Tragen der Wissensproduktionen der TeilnehmerInnen… Nun bleibt mir nicht mehr viel hinzuzufügen… ich wünsche den Materialien viele interessierte, neugierige LeserInnen, die Lust haben, sich auf das Abenteuer einzulassen, dass du ihnen anbietest: Materialien, für die man sich ein wenig Zeit nehmen sollte, dafür aber jede Menge zurückbekommt, neue Impulse und Ideen, Theoretisierungen der eigenen Praxis, die vielleicht erst einmal anstrengend sind, weil man selbst und die eigene (arbeits- und überlegungsintensive) plötzlich im Zentrum der Auseinandersetzung stehen. Aber es lohnt sich. Die Materialien sind ein Fundus, ein großer Fundus an Möglichkeiten, zu lesen, zu stöbern, sich als KursleiterIn weiterzubilden und neue Blickwinkel zu entdecken. Man kann anfangen zu lesen, einen Link verfolgen, ein vorgeschlagenes Video ansehen oder ein Lied anhören. Es gibt in den Materialien Verweise auf wissenschaftliche Literatur, auf Zeitschriftenartikel mit Interviews, auf Zeitungstexte. Hinter den Materialien steht ein fragendes Prinzip: was könnte bei diesem Thema noch Thema sein, wie es formuliert wird… Welche Möglichkeiten gibt es, das Thema aus einer postkolonialen, intersektionalen, rassismuskritischen und feministischen Perspektive neu zu betrachten? Danis Materialien sind Vorschläge solcher Betrachtungsweisen, verbunden mit Methoden, die immer ein Weiterarbeiten, Weiterformulieren, Wenden und Drehen und Neubetrachten durch die KursleiterInnen, durch die TeilnehmerInnen implizieren, und dazu Räume schaffen (womit ein methodisches Prinzip angesprochen ist). Die Materialien sind das Ergebnis langjährigen Entwerfens, Ausprobierens und Erweiterns, von langjähriger Auseinandersetzung mit diesem Tun und Handeln als Kursleiterin für Deutsch in einer Migrationsgesellschaft wie Österreich, in Wien.

Wissenschaftliche Begleitung durch Magdalena Knappik //

Seit 2011 arbeite ich am Fachbereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache am Institut für Germanistik der Universität Wien, bei İnci Dirim, zunächst im Projekt „Diversität und Mehrsprachigkeit in pädagogischen Berufen“, seit Juni 2013 als Senior Scientist. Davor war ich mehrere Jahre als DaZ-Kursleiterin tätig und habe mit Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet.

Schwerpunkte meiner Arbeit sind die (Weiter-)Entwicklung eines hegemoniekritischen, postkolonialen und rassismuskritischen Blicks auf Deutsch in der Migrationsgesellschaft und die Frage, was ein solcher Blick für verschiedene Kontexte bedeutet: Modelle der sprachlichen Bildung und Sprachförderung in der Schule, DaZ in der Erwachsenenbildung, DaZ in der Hochschullehre. Außerdem interessiere ich mich für (wissenschaftliches) Schreiben, prozessorientierte Schreibdidaktik, Schreibberatung und Fragen von Autor*innenschaft.